"Kundgebung in Oberwart" [Anm.: 5. September 1954] - Burgenland ist das Stiefkind Oesterreichs. Schon als „Westungarn“ wurde es seinerzeit von den herrschenden Kreisen Ungarns vernachlässigt. In der ersten Republik ist nicht viel für das Burgenland geschehen. Die Bevölkerung setzt sich aus kleinen Bauern und Landarbeitern, aus Handwerkern und aus Arbeitern zusammen, die vom Frühjahr bis zum Herbst außerhalb des Landes, meist in der Bauwirtschaft, tätig sind, um dann während des Winters von den mageren Ergebnissen kleinster Landwirtschaften zu leben. Nur wenige größere Betriebe gibt es in diesem Land. Und gestehen wir es uns, auch wir in den Organisationen haben das Burgenland vielfach vernachlässigt. So auch im KZ-Verband. Es gibt hunderte Kameraden, die unserer Hilfe bedürfen. Die burgenländischen Behörden behandeln die Opfer des Faschismus unter jeder Kritik. Sind es doch oft „nur“ Zigeuner, wie wegwerfend gesagt wird, die solche Opfer faschistischer Verfolgung waren. Es ist richtig, unter den Opfern des Faschismus im Burgenland befinden sich auch sehr viele Zigeuner. Die Nazi haben eben nicht nur die Juden, sondern auch die Zigeuner sowie andere Völker wegen ihrer „rassischen Minderwertigkeit“ verfolgt und auszurotten versucht. Tausende Zigeuner sind in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches elendiglich umgekommen. Eines dieser Lager, in dem die Zigeuner gefangen gehalten wurden, war Lackenbach im Burgenland. Dennoch weigert man sich bis heute, dieses Lager als Konzentrationslager anzuerkennen. Die Bedingungen, unter denen die Zigeuner im Lager Lackenbach eingesperrt waren, unterschieden sich in nichts von denen der übrigen Konzentrationslager. Um für die Rechte der Opfer des Faschismus auch im Burgenland zu demonstrieren und den Willen zu manifestieren, weiterhin den Kampf gegen alle Versuche der Wiederaufrichtung einer Herrschaft, die Terror, Not und Krieg bringt, wie es während des „Tausendjährigen Reiches“ der Fall war, zu führen, hatte unsere Burgenländische Landesorganisation beschlossen, für Sonntag, den 5. September, eine Kundgebung in Oberwart abzuhalten. - Diese Kundgebung fand an diesem Tag unter überaus starker Beteiligung unserer burgenländischen Kameraden und in Anwesenheit von Delegationen aus Wien, Niederösterreich und der Steiermark statt. Die Landesorganisation Salzburg sowie der Bezirksverband Steyr, Sankt Pölten und andere hatten Begrüßungsschreiben an die Kundgebung gerichtet. - Sind die Zigeuner keine gleichberechtigten Staatsbürger! Der Vorsitzende, Kamerad Magdziarz, eröffnete die Kundgebung vor dem Oberwarter Rathaus, das mit den Fahnen des Staates und des Landes sowie mit Wimpeln und Parolen geschmückt war und erteilte als ersten Redner dem Kameraden Böröcz, dem Landtagsabgeordneten der VO im Burgenland, das Wort. Nach ihm sprach Kamerad Hom über die wirtschaftlichen Forderungen der Opfer des Faschismus, insbesondere über die Forderung nach Wiedergutmachung aller durch den Faschismus angerichteten Schäden. Er erklärte, die Wiedergutmachung muß an alle Geschädigten gleichzeitig und nach gleichen Grundsätzen gewährt werden. Wir werden, sagte er, jeden Versuch einer Spaltung, von welcher Seite immer er in die Reihen der Opfer des Faschismus hineingetragen werden sollte, mit aller Entschiedenheit bekämpfen. Kamerad Hom versprach, daß sich der Bundesverband dafür einsetzen werde, daß Lackenbach als Konzentrationslager anerkannt wird. Kamerad Dr. Steiner erklärte in seiner Rede unter anderem: „Schluß mit den Soldatentreffen, Schluß mit den Kriegs- und Revancheideen; Schluß auch mit jenen, die solche Verbrechen fördern. Wir predigen nicht Haß, aber wir wollen innerhalb unserer Grenzen nicht die Totenvögel umherfliegen sehen, ob sie nun Kesselring oder Manteuffel, Kreppel oder sonstwie heißen. Wir wollen nicht, daß als österreichisch getarnt wird, was nationalsozialistisch und antiösterreichisch ist. Wir wollen ein freies Leben in einem freien Staat, wir wollen als freie Bürger unsere Kinder frei erziehen können, deren Gruß aber nicht „Sieg heil!" sein soll.“ Kamerad Dr. Steiner hat einige Sätze seiner Ausführung auch in ungarischer Sprache wiederholt, was ebenfalls stürmisch begrüßt wurde. - Anbringung der Gedenktafel am Rathaus abgelehnt! Kamerad Dr. Steiner nahm während seiner Rede auch die Enthüllung einer Gedenktafel vor. Diese Gedenktafel sollte am Rathaus von Oberwart angebracht werden. Sie enthält in schlichten und einfachen Worten die Mitteilung, daß viele Burgenländer ihr Leben im Kampf gegen die nationalsozialistische Unterdrückung und Besetzung Oesterreichs und für die Wiederherstellung eines freien, unabhängigen und demokratischen Oesterreich hingegeben haben. Unter dem Diktat des Bezirkssekretärs der Sozialistischen Partei Oberwarts, eines Herrn Muth, hat der Gemeinderat jedoch das Ansuchen um Anbringung dieser Tafel am Rathaus von Oberwart abgelehnt. Dieser Muth ist erst seit vier Jahren österreichischer Staatsbürger. Er kam als Volksdeutscher „Flüchtling“ aus Rumänien. Was ihn bewogen hat, dieses Land zu verlassen, in dem heute noch Hunderttausende leben, die der deutschen Minderheit angehören, eigene Schulen und Kulturstätten haben usw. wird er wohl am besten selbst wissen. Wir dürften nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß er während des zweiten Weltkrieges ein Parteigänger Hitlers war. Wir halten aber fest, daß sich manche der Oberwarter Gemeinderäte dafür schämten, diesem traurigen Muth gefolgt zu sein und die Anbringung der Tafel ablehnten. - Die Versammlung beschloß zwei Resolutionen, die sich mit den wirtschaftlichen Forderungen der Opfer des Faschismus sowie dem Verlangen nach dem Verbot aller Soldatentreffen und dem Verbot des Tragens ehemaliger deutscher Uniformen und Auszeichnungen beschäftigten. - Nach der Kundgebung formierte sich ein Zug von mehreren hundert Teilnehmern zu einer Kranzniederlegung beim österreichischen Kriegerdenkmal und beim Denkmal für die Helden der Sowjetarmee, die im Kampfe für die Befreiung unserer Heimat von der deutsch-faschistischen Unterdrückung gefallen sind. - Die Kundgebung in Oberwart war nicht nur ein voller Erfolg unseres burgenländischen Landesverbandes, sondern auch ein mächtiges Bekenntnis unserer burgenländischen Kameraden in ihrem Kampf für die politischen und wirtschaftlichen Ziele und Rechte der Opfer des Faschismus".
Hochgeladen von: Tillfried SCHOBER
Kommentare
Sie haben eine Frage zu dem Bild oder möchten einen Kommentar dazu abgeben? Registrieren Sie sich bitte mit Namen und Email-Adresse bzw. melden Sie sich unter LOGIN an, wenn Sie schon registriert sind.